Reisebericht 35 Argentinien Teil 3 Seenlandschaft Drucken E-Mail

Flagge ArgentinienIn der Stadt Esquel, im nördlichen Teil Patagoniens, erledigen wir unsere dringenden Telefonate in die Schweiz,

 

geben den prallgefüllten Wäschesack in der Wäscherei ab und stopfen die Futterkisten und den Kühlschrank mit argentinischen Leckereien vom Supermarkt Anonima voll. Etwa 60 Kilometer westlich von Esquel beginnt der Nationalpark Los Alerces, unsere nächste Reisestation. Genannt wird der Park nach dem gleichnamigen Baum der hier glücklicherweise noch in relativ grossen Bestand vorkommt. Eine Alerce kann bis zu 70 Meter hoch werden und weist dann einen Durchmesser von 4 Meter auf, diese Bäume befinden sich aber im abgelegenen Teil des Parks und sind nur mit einer teuren geführten Tour zu besichtigen. Wir lassen dies wie immer sein und stellen uns direkt am See Futalaufquen auf den gratis Campingplatz hin. Keine Frage hier bleiben wir für die nächsten Tage stehen, allein schon das glasklare Wasser des Sees lädt am heutigen sonnigen Tag zum Schwimmen ein. Das sieht Adriano aber anders, seine Schmerzensgrenze liegt beim Bauchnabel und weiter wagt er sich nicht ins kühle Nass hinein. Ich kann ihm noch lange erklären, dass das Wasser gar nicht so kalt ist, solange man sich in Bewegung hält, doch von dem will der Süditaliener nichts wissen. Am nächsten Morgen stellen wir unseren Campingtisch auf und frühstücken in einer traumhaften Aussicht auf den See und die Berge, während Adriano anschliessend ins Dorf geht mache ich es mir auf den Campingstühlen gemütlich und lese mein spannender schwedischer Henning Mankell Krimi zu Ende.

Nach ein paar Tagen wechselt aber das Wetter und unerwartet wird die friedliche Idylle durch einen heftigen Wind der vom See her weht gestört. Für uns der richtige Zeitpunkt um das Lager abzubrechen und weiter zu kommen. Auf der Ruta 71 die sich als gepflegte Schotterpiste durch den Park schlängelt leuchtet plötzlich die Batterie Anzeige im Armaturenbrett auf, irgendetwas mit der Stromzufuhr stimmt nicht mehr, denn auch die Nadel des Tourenzählers bewegt sich plötzlich wie ein schnelles Pendel hin und her. Der Elektrospezialist A. Iannelli wirft einen kurzen Blick auf die Kabel in der Motorhaube und entdeckt dabei auch schon das Problem. Das grüne Steuerkabel der Lichtmaschine ist aus Altersschwäche gerissen, der Schaden ist dank der Spezialwerkzeuge die Adriano aus seiner Kiste hervor zaubert in weniger als einer Viertelstunde repariert.

El Bolsón, die Hippiehochburg der 60iger Jahre ist heute nichts weiter als eine gewöhnliche argentinische Kleinstadt umgeben von einer Bergkette. Beim Parkplatz vor dem Anonima Supermarkt entkommen wir knapp einem Autoeinbruch, wegen den zusätzlichen Fiamma Schlössern die wir vorne an der Fahrkabine montiert haben, ist dem Dieb glücklicherweise der Einstieg versperrt geblieben. An den Türschlössern ist ausser ein paar neuen Kratzern auch kein Schaden entstanden. Uns ist es aber trotzdem eine Lehre gewesen und wir werden in Zukunft das Auto in den touristischen Zentren nicht mehr unbeaufsichtigt parken.

Als hätte uns der missglückte Einbruchsversuch nicht schon gereicht, werden wir am nächsten Tag beinahe vom Gashändler über den Tisch gezogen, der wollte uns nämlich den zehnfachen Preis bei der Gasflaschen Auffüllung verrechnen. Adriano löst den Konflikt mit seinem italienischen Verhandlungs-Temperament und setzt dieses Mal noch einen Schuss sizilianischen Sarkasmus hinzu. Denn der freche Gashändler ist ziemlich gewitzt, er lockt Adriano in das Büro und zeichnet ihm den Grund für den teuren Gaspreis an der weissen Tafel auf. Doch Adriano schenkt diesem Gefasel nicht viel Aufmerksamkeit und klärt sich bereit das aufgefüllte Gas wieder zurückzugeben, zückt dabei noch mit einem hämischen Grinsen das Feuerzeug aus der Hosentasche hervor und öffnet gleichzeitig das Ventil der Gasflasche. Der Gashändler hat auf einmal keine Lust mehr uns übers Ohr zu hauen und die beiden Herren einigen sich somit bei einem tieferen Preis. Die einstige Hippie- und Aussteiger „Hauptstadt“ ist auch nicht mehr das was sie mal gewesen ist und die nächste Stadt wird auch nicht besser, denn wir nähern uns langsam San Carlos de Bariloche.

Die Anfahrt durch den scheusslichen Vorort der Stadt aktiviert in uns automatisch die Erzählungen anderer Fahrzeugreisenden. Wir haben diese Geschichten versucht zu verdrängen, man hört ja so viel was man eigentlich gar nicht wissen möchte. Doch nachdem wir sicherlich drei verschiedenen Betroffenen begegnet sind, die uns die Erzählungen bestätigt haben, schenken wir denen nun glauben. Die Stadt Bariloche gilt seit Jahren als Zentrum für Reisefahrzeugeinbrüche, die am helllichten Tage in den belebten Gassen erfolgreich durchgeführt werden.

Wir besorgen uns Karten in der Touristeninformation von Bariloche, schiessen ein paar Fotos von dem Hauptplatz und den darum herum liegenden Steinhäuser und gehen.

Westlich am Lago Huapi See gelangen wir durch das Herzstück der argentinischen Schweiz. Die Klischee gerecht mit rustikalen Holz Chalet, Seilbahnen, Schokolade und noblen Hotelkästen daher kommt und wohl den gut betuchten Argentinier und dem internationalen Tourismus eine südamerikanische Version der Schweiz vermitteln soll. Da ist hingegen, die 1899 gegründete Colonia Suiza die sich in diesem Gebiet befindet nur ein schlechter Witz, denn dort gibt es ausser einer Fondue Beiz nicht mehr viel was die ehemalige Enklave mit der Schweiz in Verbindung bringen soll. So schnell wie an diesem Nachmittag haben wir uns noch nie eine Gegend angeschaut, wir lassen dabei grosszügig die Hälfte aus und fotografieren meist sogar direkt aus dem Auto heraus, was für uns doch eher untypisch ist. So verlassen wir am frühen Nachmittag Bariloche und Umgebung und gelangen in den kleinen Skiort Villa La Angostura das uns mit seinen argentinisch verspielten Holzkonstruktionen und den heimeligen Arkaden schon viel besser gefällt. Auf der Strasse der sieben Seen fahren wir durch den Nationalpark Nahuel bis zum nächsten Skiort San Martín Los Andes.

Am Ortseingang genauer gesagt auf dem ACA Campingplatz kommt das nächste Elektroproblem auf uns zu. Dieses Mal ist es unser 20jährige Kompressor Kühlschrank der nicht mehr kühlen will. Ein weiterer Fall für den Spezialisten Iannelli der wieder mal mit seinem scharfen Spürsinn den Fehler sofort bei der Steuerelektronik sucht. Mit Stirnlampe und Messgerät bewaffnet macht er sich an die Arbeit und entdeckt das Problem auch schon nach einigen Minuten, eine Leiterbahn auf der Platine ist defekt. Mit seinem billigen Conrad-Lötkolben, den er auf der Reise doch schon einige Male im Einsatz hatte, setzt er eine neue Kabelbrücke ein und siehe da, der Kühlschrank funktioniert wieder wie eh und je. Der Lieblingsspruch von Adriano lautet ja nicht umsonst: „Es gibt für alles eine Lösung“. Langsam verstehe ich auch warum er sein geliebtes Werkzeug unbedingt auf unsere Reise mitnehmen wollte. Rätselhaft ist mir aber nach wie vor, wie er solche Defekte immer so schnell findet und beheben kann, als würde ihm das Troopy direkt ins Ohr flüstern.

Da nun das Getriebeöl nach 20‘000 gefahrenen Kilometern fällig ist, heisst es für Adriano, dass er sich gleich noch unters Auto legen darf. Wir besorgen in der kleinen Ferreteria (Baumarkt) um die Ecke das richtige Getriebeöl und Adriano pumpt dies in mühsamer Arbeit ins Getriebe und die Achsen. Wenn er schon dabei ist werden auch noch die Federung und die Antriebswelle mit der Fettpresse neu geschmiert. So ist unser Fahrzeug startklar und für die vielen Kilometer die wir in der nächsten Zeit zurücklegen gewappnet. Während Adriano unter dem Auto liegt, heisst das natürlich nicht, dass ich in dieser Zeit nichts Sinnvolles unternehme und in Versuchung gerate meine neuen Falten zu zählen. Ich formuliere und tippe seitenweise Text für die Webseite ein, rüste, schneide und brate das Fleisch und Gemüse für unser Nachtessen und bin nebenbei auch die Handlangerin wenn Adriano etwas braucht. Und so vergeht für uns ein geschäftiger Arbeitstag auf dem ACA Campingplatz von San Martin los Andes.

Nach der Arbeit folgt das Vergnügen und so sitzen wir am nächsten Tag wie auf Entzugserscheinungen stundenlang vor dem Computer und surfen das Netz ab. Das Wetter ist gerade zu passend, bewölkt mit ein paar Tropfen Regen vermischt. Wenn sich dabei unser verspannter Rücken meldet, spazieren wir zur Auflockerung ins Dorf um uns mit dem „Notwendigsten“ einzudecken. San Martin los Andes ist der passende Ort dazu, denn hier bekommt man das, was bei uns in der Schweiz nur zu überteuerten Preisen in der Globus Delicatessa in den Regalen liegt. Wir schleichen hier wie hungrige Pumas um die Delikatessen herum und greifen zu leckeren Antipasti, Blauschimmelkäse, Salami und frischem Angus Rind, um nur ein paar der Gaumenfreuden aufzuzählen die bei uns später auf dem Tisch landen.

Mit neu zugelegten Pfunden machen wir uns auf dem Weg zum Nationalpark Lanin. Sogar als schönster Berg der Welt wird der 3‘776m hohe und erloschene Schichtvulkan Lanín bezeichnet, und steht somit als letzte Sehenswürdigkeit durch die argentinische Seenlandschaft auf unserer imaginären Liste. Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir den Lago Huechulfquén und den schneebedeckten Vulkan der mit seiner perfekten Form über alles hinweg ragt. Wir fahren auf der Schotterpiste bis zur Kirche in Puerto Canoa und finden gleich daneben einen idealen Stellplatz. Am nächsten Tag, einem Sonntagmorgen, haben wir schon damit gerechnet, dass wir von dem Gebimmel der Kirche aus dem Schlaf gerissen werden. Doch zu unserem Erstaunen bleibt die katholische Kirche Mucksmäuschen still. Die wenigen Mapuche Indianer die hier im Nationalpark leben kommen hier her zum Fischen und nicht zum Beten.

Zwischen den grossen Pyramidenpappeln auf dem Campingplatz im verschlafenen Orte Junín de los Andes, rieche ich das erste Mal bewusst den erdigen Duft des beginnenden Herbstes. Für uns eine eigenartige Vorstellung, Ostern im Herbst, Vermicelle anstatt Schoggihasen klar ausgedruckt eine verkehrte Welt. Das wir nicht zu arg aus dem Gleichgewicht geraten, gibt es heute Abend eine selbstgemachte Kürbissuppe, selbstverständlich in den passenden Farben des herumliegenden Laubes.

 

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